Auf dieser Seite gibt Karin Harnack ( Lerntherapeutin M.A. ) Eltern und ErzieherInnen wichtige und hilfreiche Informationen zum Thema Rechenschwäche.

Rechenschwäche – Was ist das eigentlich?

Gehörten Sie auch zu den Menschen, für die Mathematik in der Schule ein Buch mit sieben Siegeln war, die trotz unendlicher Übungen wenig, manchmal auch gar nichts, verstanden haben und vor jeder Klassenarbeit Bauchschmerzen hatten? Wer als Erwachsener selbst so etwas erlebt hat und vielleicht heute noch in manchen Situationen erlebt, kann sich leichter in die Lage eines betroffenen Kindes hineinversetzen.

Rechenschwäche (auch Rechenstörung, Dyskalkulie, Arithmasthenie … ) ist eine Entwicklungsverzögerung im Bereich des Erlernens, Verstehens und Anwendens mathematischer Grundlagenkenntnisse und zeigt sich im Nichtbewältigen des Lernstoffs im Grundlagenbereich in der Grundschule.

Einfach gesagt, ein normal begabtes Kind kann trotz regelmäßigen Übens den Umgang mit „plus“, „minus“, „mal“ und „geteilt“ nicht meistern. Die Rechenschwierigkeiten sind nicht auf eine allgemeine Intelligenzminderung zurückzuführen. Seh-, Hörstörungen und andere Erkrankungen müssen als Ursache ausgeschlossen sein. Das Kind kann in anderen Fächern gute bis sehr gute Leistungen zeigen, trotzdem hat es Schwierigkeiten beim Rechnen. Diese Kinder sind nicht „zu dumm zum Rechnen“, sie sind normal intelligent und haben einen Bereich, in dem sie schwach sind. Aber dieser Bereich ist in Gesellschaft und Schule für das Vorwärtskommen äußerst wichtig, und genau das ist ihr Pech. Etwa 3 bis 8% unserer Schulkinder sind davon betroffen.

Welche Symptome zeigen sich bei Rechenschwäche? Betroffene Kinder zeigen verschiedene Schwierigkeiten im Umgang mit Zahlen und beim Rechnen, so z. B. beim Rückwärtszählen, oder beim Abzählen von Punktmengen, beim Lesen und Schreiben von mehrstelligen Zahlen und bei allen Rechenprozeduren. Rechenschwache Kinder können immer wieder Aufgaben, die sie erst eingeübt haben, kurze Zeit später nicht mehr bewältigen. Sie können sich nicht mehr daran erinnern, wie sie schrittweise vorgehen müssen.

In der Literatur werden vielfältige Ursachen genannt. Wir müssen von einem Ursachengeflecht ausgehen, dazu gehören die genetische Ausstattung zum Umgang mit Mengen und Zahlen und die Lernumgebung des Kindes. Fehlendes Mengen- und Zahlenwissen zum Schuleintritt zeigt ein Risiko für das Rechnenlernen an. Weitere Ursachen können Defizite im Langzeit- oder Arbeitsgedächtnis, visuelle Wahrnehmungsstörungen und auch Angst sein.

Wann beginnt das Rechnenlernen?

Kinder lernen unterschiedlich schnell, auf unterschiedlichen Wegen und jedes Kind hat seine eigene Lerngeschichte, die schon sehr früh beginnt.

Auch mathematisches Lernen beginnt weit vor der Schule. Wie sich genau das Verständnis von Zahlen, Mengen und Rechenoperationen entwickelt, lässt sich bis heute nicht eindeutig beantworten. Man geht davon aus, dass die Welt der Zahlen eigentlich schon von Geburt an im kindlichen Alltag fest verankert ist. Verschiedene Untersuchungen belegen, dass weit vor dem Aufsagen der Zahlwortreihe oder der Fähigkeit des Zählenkönnens Kinder über Mengenwissen verfügen und sehr früh Mengen vergleichen und Mengenveränderungen beurteilen können.

Unabhängig davon beginnen Kinder, kurz nachdem sie sprechen können, mit dem Zählen. Die Zahlenfolge ist anfangs unvollständig und fehlerhaft, wird aber im Laufe der Zeit immer exakter. Bereits im Kindergarten werden mathematische Zusammenhänge sichtbar gemacht. Dabei geht es hier nicht um die Entwicklung von Rechenoperationen, sondern um die Entwicklung eines Vorstellungsvermögens von Mengen, Zahlen und geometrischen Formen. Von Bedeutung ist, dass Kinder mit Mengen und Zahlen zu tun haben.

Mit ungefähr drei bis fünf Jahren merkt das Kind, dass man Mengen zerlegen (aufteilen) und wieder zusammenfügen kann und auch durch wegnehmen oder dazugeben verändern kann. In dieser Zeit lernt das Kind auch, dass Zahlen und Mengen etwas miteinander zu tun haben, so z. B. wird „zwei“ als „wenig“ und „vier“ als „viel“ betrachtet. Daraus entwickelt sich allmählich, dass einer Zahl eine genaue Anzahl zugeordnet wird. Das Kind lernt Zahlen nach ihrer Größe zu vergleichen und vorwärts und rückwärts zu zählen.

Im Alter von ca. vier bis sechs Jahren entwickelt sich beim Kind das Verständnis dafür, dass Zahlen in Beziehung zueinander stehen, dass man Veränderungen von Mengen auch mit Zahlen darstellen kann. Es begreift, dass man Zahlen in kleinere Zahlen zerlegen kann.

Die Entwicklung eines Zahl- und Mengenwissens im Vorschulalter gehört zu mathematischen Kompetenzen, die grundlegend für eine weitere mathematische Bildung sind. Mengenbezogenes Wissen und Zählfertigkeiten im Vorschulalter sind sogenannte Vorläufermerkmale für den Schulerfolg beim Rechnenlernen.

Warum ist die Frühförderung im Bereich des Rechnenlernens so wichtig?

Im oberen Abschnitt wurden einige Vorläufermerkmale genannt, die u.a. für den Schulerfolg beim Rechnenlernen wichtig sind. Zu weiteren Leistungen, die von Bedeutung sein können, gehören u.a. visuelle Fähigkeiten, die Sprachentwicklung und die Gedächtnisfunktion.

Vielfältige Untersuchungen belegen, dass mathematisches Vorwissen die Mathematikleistungen in der Grundschule besser voraussagen als z.B. die Intelligenz. Kinder zeigen spätestens am Ende ihrer Kindergartenzeit ganz verschieden ausgeprägte rechnerische Vorerfahrungen, was ich selbst in durchgeführten Untersuchungen mit 133 Kindern unmittelbar vor und nach Schuleintritt bestätigen kann.

Was sollte nun ein Vorschulkind in diesem Bereich können?

Beachten wir, dass sich Kinder nicht gleich entwickeln, sollten sie zum Zeitpunkt des Schuleingangs über folgende Kenntnisse und Fähigkeiten verfügen:

  • Objekte und Mengen vergleichen und ordnen können,
  • Elemente in eine Reihenfolge bringen können,
  • vorwärts und rückwärts bis 20 zählen können,
  • Mengen bis 5 simultan erfassen können,
  • einfache Aufgaben zum Addieren (dazugeben) und Subtrahieren (wegnehmen) im Zahlbereich bis 10 lösen können.

Ein wichtiges, vielleicht sogar das wichtigste Vorläufermerkmal ist die Fähigkeit zur Verknüpfung von Mengen mit Zahlen und umgekehrt.

Solides Vorwissen ist mit hoher Wahrscheinlichkeit die Basis, um die Anforderungen in Mathematik gut bewältigen zu können. Kindern, denen dieses Vorwissen fehlt, wird das eher schwerfallen. Die Chance, sie spielerisch und gezielt zu einem Mengen- und Zahlenverständnis zu führen, ist durchaus gegeben, um Lücken zu Beginn gar nicht erst entstehen zu lassen. Denn Lücken im mathematischen Fundament bleiben in der Regel bestehen.

Wie kann nun ein Mangel an Vorläuferfähigkeiten entstehen?

Möglich ist, dass das Kind vielleicht durch fehlende Anregungen in Familie und Kindergarten wenig Umgang mit Mengen und Zahlen hatte. Natürlich kann die Ursache auch in der fehlenden Ausstattung des Kindes dafür verantwortlich sein, dass es trotz vieler Angebote das Vorwissen nicht erwerben konnte. Wenn Sie also merken, dass das Kind wenig Fähigkeiten erworben hat, sollte durch spielerische Übungen ein Umgang mit Zahlen und Mengen erarbeitet werden.

Untersuchungen belegen, dass gerade Risikokinder von einer vorschulischen Förderung profitieren. Ihnen wird damit eine gute Basis für das Verstehen der Grundschulmathematik gegeben.

Prävention im Vorschulbereich – Was können Eltern und ErzieherInnen tun?

Aufmerksame Eltern und ErzieherInnen können Anzeichen für ein Rechenschwäche-Risiko schon früh entdecken.

Hat das Kind bis zum letzten Kindergartenjahr entsprechendes Vorwissen zum Umgang mit Mengen und Zahlen erworben, wird es sich auch entsprechend weiter entwickeln können. Ist das nicht der Fall, wird es dem Kind ohne Unterstützung schwerfallen, den nötigen Vorwissenstand zu erreichen.

Was kann getan werden?

Nur durch den Umgang mit Mengen und Zahlen lernt das Kind den Umgang damit. Dafür können verschiedene, den Kindern bereits bekannte Materialien genutzt werden, wie z. B. Bauklötze, Perlen oder Muggelsteine. Es ist ratsam, am Anfang gleiche Materialien zu nutzen. Dabei sollte anfangs vom konkreten Material über Bilder ganz allmählich der Zugang zu Ziffern (und später auch Zeichen) erarbeitet werden, die Sprache ist dabei der ständige Begleiter und exakte Formulierungen sind besonders für Kinder mit wenig Wissen wichtig.

ErzieherInnen in Kindereinrichtungen können für eine systematische Förderung Förderprogramme nutzen, so z. B. „MZZ: Mengen, zählen, Zahlen“ von Kristin Krajewski, oder das Programm „Kalkulie“ von Gerlach u.a. Diese Programme dienen dem Aufbau mathematischen Vorwissens im Kindergarten und zu Schulbeginn.

Da sich mathematisches Vorwissen aber nicht nur im Kindergarten entwickeln lässt, werden Sie fragen, was können Sie als Eltern tun?

Geben Sie Ihrem Kind vielfältige Anregungen, sich mit Mengen und Zahlen zu beschäftigen. Lassen Sie Ihr Kind etwas sortieren nach verschiedenen Kriterien, etwas ordnen nach Größe, Farbe, Form, etwas teilen, etwas vergleichen und etwas schätzen. Begriffe wie mehr, weniger oder gleich viel können dabei gut verwendet werden.

Lassen Sie Ihr Kind alles Mögliche zählen und abzählen, bis zur Zahl 20 ist durchaus ausreichend. Beim Treppensteigen lässt es sich gut zählen, von unten nach oben – vorwärts, von oben nach unten – rückwärts. Unterbrechen Sie die Zahlwortreihe und lassen Sie nach einer Pause weiterzählen, gleiches gilt für Rückwärtszählen, oder zählen in 2er-Schritten. Lassen Sie Mengen und Zahlen zuordnen, z. B. die 4-vier Teller auf dem Tisch…. Spielen Sie einkaufen mit Geld. Versuchen Sie mit Ihrem Kind mit Material zu rechnen, im Haushalt finden sich dafür viele Beispiele, wie viele Dinge benötige ich, wie viele habe ich schon, wie viele fehlen noch. Spielen Sie Brettspiele, wo Ihr Kind zählen kann.

Wie Sie sehen, es gibt unzählige Möglichkeiten, um die Kinder in die Welt der Mengen und Zahlen zu begleiten.
Ich wünsche Ihnen dabei viel Freude und Erfolg.

Wie wird Rechenschwäche in der Schule bemerkt und was wir tun können?

Im letzten Abschnitt möchte ich kurz darauf eingehen, wie Rechenschwäche erkannt wird und was getan werden kann. Leider wird häufig erst in der Schule so richtig bewusst, was das Kind noch nicht so gut kann.

Eine sich entwickelnde Rechenschwäche lässt sich oft bereits in der ersten oder zweiten Klasse daran erkennen, dass normal intelligente Kinder mit ihrem defizitären vorschulischen Wissen zu Mengen und Zahlen im Unterricht die gängigen mathematischen Anforderungen nicht erfüllen können. Das hat nichts damit zu tun, dass sie nicht wollen, sie können es nicht verstehen. Oft versuchen Eltern durch noch mehr Übungen, Auswendiglernen und Technikenlernen die Defizite auszugleichen. Die Hausaufgaben des Kindes werden mehr und mehr zu Hausaufgaben der Eltern. Das eigentliche Ziel, die Erarbeitung der Grundbegriffe für das Verstehen des Rechnens, bleibt leider unerreicht.

Besteht nun der Verdacht auf eine Rechenschwäche, sollte durch eine individuelle Diagnostik geklärt werden, wie das Kind mathematisch entwickelt ist. Die dadurch erkannten fehlenden Grundlagen und Zusammenhänge im Bereich der Mengen und Zahlen können davon ausgehend neu erarbeitet und aufgebaut werden, was im Rahmen einer Einzeltherapie gut möglich ist. Eltern sollten die vertrauensvolle Zusammenarbeit mit der Schule suchen und keinen Druck auf ihr Kind ausüben. Wichtig ist jetzt eine ganz gezielte, an den Lernvoraussetzungen des Kindes anknüpfende, individuelle Förderung. Die rechnerische Zukunft des Kindes wird oft in den ersten Grundschuljahren entschieden. Eine frühe Förderung ist im Hinblick auf das Lernen in späteren Schuljahren wichtig und effektiv zugleich.

Rechenschwäche ist eine Teilleistungsstörung. Die Kultusministerkonferenz hat im Jahr 2007 Grundsätze zur Förderung von SchülerInnen mit besonderen Schwierigkeiten u.a. im Rechnen beschlossen. Die Schule ist der Ort, an dem rechenschwache Kinder frühzeitig identifiziert und gefördert werden sollten. Kann ein Kind in der Schule nicht ausreichend gefördert werden, besteht die Möglichkeit eine außerschulische Rechenschwäche-Therapie zu nutzen.

Bei der Förderung sollte das Kind da abgeholt werden, wo es steht. Im gesamten Förderprozess sollten alle schulischen und außerschulischen Fördermaßnahmen aufeinander abgestimmt werden. Sollten zu den Rechenstörungen physische und psychische Störungen hinzukommen, sollte der Leistungsanspruch auf Eingliederungshilfe nach § 35a SGB geprüft werden. Dafür ist u.a. die Stellungnahme eines Schulpsychologen einzuholen. Für ein Schulkind ist der Erfolg in der Schule ein wesentlicher Teil seines Lebens. Alle sollten ihm dabei unter Einbeziehung seiner persönlichen Stärken helfen. Und dabei brauchen wir vor allem Geduld.